Andacht Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.

Ps.38,10

Liebe Freundinnen und Freunde der MMH.

Ich sitze am Schreibtisch in diesen ersten wirklich kühlen und grauen Herbsttagen in der Eifel und denke an den Sommer zurück, der dieses Jahr ja nun wirklich einer war: warm und schön. Lang und (an vielen Stellen zu) trocken. Und merke: er war schön, dieser Sommer. Und mir und meiner Familie geht es gut. Eigentlich sogar sehr gut. Und trotzdem ist auch unser Leben durchsetzt mit Seufzen und Sehnsucht, manchmal unbestimmt, manchmal sehr konkret.

Und dabei weiß ich natürlich genau, dass mein Seufzen über das Wetter geradezu lächerlich ist gegenüber den Seufzern derer, die auf Saat und Ernte jedes Jahr neu angewiesen sind. Die abhängig sind vom eigenen kleinen Feld, der Shamba hinterm Haus und den Erträgen, die neben einem kärglichen Gehalt die Familie ernähren. Ich weiß, dass mein Sehnen nach einer gerechteren Gesellschaft hier in Deutschland, trotz aller Missstände, die es zur Zeit bei uns ohne Zweifel gibt, nichts ist im Vergleich zu den existentiellen Problemen in Tansania, die durch eine ungerechte und ausbeuterische Weltwirtschaftsordnung in vielen Teilen der Bevölkerung herrschen.

Das weiß ich. Und doch sehnen sich Menschen durch alle Zeiten an allen Orten nach einer besseren Welt, seufzen unter den objektiven oder subjektiven Lasten, die sie bedrücken und hoffen auf eine bessere Zukunft. Die Frage ist: was machen wir mit dieser Einsicht?

Der Psalmbeter hat seine Antwort gefunden: er überlässt sie Gott. Und so lesen wir in der Losung den Monatsspruch für Oktober aus Psalm 38,10: Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.

Er weiß: er ist nicht allein. Nicht mit der Sehnsucht, nicht mit seinen Zweifeln, nicht mit seinem Seufzen. Denn Gott ist dabei. Selbst dann, wenn alle menschlichen Beziehungen versagen. Oder wenn ich anderen nicht zur Last fallen will. Bei Gott kann ich abladen. Zur Ruhe kommen. Neue Kraft tanken für das, was vor mir liegt. Denn vor ihm liegt offen, was mich bewegt.

Ich glaube, dass das entlasten kann: wenn ich mir die Zeit nehme, es ernst zu nehmen: Gott ist nicht unendlich weit weg. Sondern er ist mir ganz nah. Er kennt meine Sorgen und meine Gefühle. Manchmal merke ich das in einem Stimmungsumschwung. In einem Menschen, der mir begegnet. In einem Stück Musik oder dem Blick in die Natur. Manchmal spüre ich das im Gebet oder beim Lesen einer Geschichte aus der Bibel. Ja, mein Sehnen liegt offen vor ihm. Auch, wenn ich es anderen vielleicht nicht offenbare. Er kennt es. Und begleitet mich. An jedem Tag meines Lebens.

Das wir dies spüren und glauben, dazu helfe uns Gott. Amen.

Mit herzlichen Grüßen,

 

Volker Böhm