Andacht Mai 2019

Himmel auf Erden

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr hier und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird in gleicher Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Apgt. 1,11

Weißt du wo der Himmel ist?

Ich liebe das einfache Kinderlied mit dem Text von Wilhelm Willms, den Ludger Edelkötter zu einem Lied vertont hat:

Es beginnt mit der rhetorischen Frage „Weißt du, wo der Himmel ist? Außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links?“ –

In einer einfachen Art und Weise redet dieses Lied vom Himmel. Und es antwortet kindlich einfach: „Du bist mitten drinnen!“ In der zweiten Strophe wird ergänzt: „Nicht so tief verborgen! Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen.“ Und in der dritten Strophe schließlich heißt es: „Nicht so hoch da oben! Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben!“

Als gläubige Christen ist der Himmel unser erstrebenswertes Ziel, wo wir direkt und unvermittelt Gott nahe sein können. Wir sind noch nicht im Himmel und doch jauchzen wir manchmal und bezeichnen erlebtes als „himmlich“.

Mit Afrika verbindet man oft nicht so viel himmlisches. Dürre, Hungersnot und Elend werden uns in den Medien als die großen Herausforderungen dargestellt. Das Leid in Afrika ist vielfältig und auch den Arbeitsalltag mancher Menschen dort möchte ich wegen der Schwere nicht teilen.

In den ersten zwei Monaten diesen Jahres war ich wieder in unserem Projektgebiet in Kigoma / Tansania. Da kommt einem die Armut und manche ausweglose Situation schon sehr nahe. Eine Handbreit rechts und links. Du bist mitten drinnen. Überall begegnen mir Herausforderungen. Wie ein Appell wirken die Mangelzustände auf mich. Ob nun Kinder in zerfledderter Kleidung herumlaufen oder verlassene Frauen mit ihren Kleinkindern bettelnd an der Straße stehen oder ein alter Mann von seinem Enkelkind von Ort zu Ort geführt wird, um für seinen Altersunterhalt zu sammeln. Eine Handbreit rechts und links und ich bin mitten drinnen.

Diese individuellen Notlagen kann ich mit einer kleinen Spende und mit einem aufmerksamen Blick begegnen. Doch ändern tut sich an der Lebenssituation der Leute nichts.Es braucht eine komplexe Verbesserung der Infrastruktur und ein nötiges Verständnis für die Ursachen der Herausforderungen. Bildung, Gesundheit und Ernährung stehen im Mittelpunkt meiner Überlegungen.

Als kleiner Verein MMH sind wir seit über zwanzig Jahren dabei unseren bescheidenen Beitrag zur Verbesserung zu leisten. Aber von himmlischen Zuständen sind wir noch weit entfernt.

An einem Sonntag gehe ich wie gewohnt in den Gottesdienst der anglikanischen Kirche. Ich komme zur Ruhe und bin mitten drinnen. Schon früh um acht singen sich die Chöre ein. Die Techniker stimmen ihre Gitarren und lassen ihre Bass-Boxen auf-kreischen. Langsam kommen die Gottesdienstbesucher in ihrer besten Kleidung in die große Kirche. Der Kirchenlehrer stimmt sie mit Gebeten und mit Liedern ein. Mehr als 300 Menschen sind gekommen als um 10 Uhr der Pastor mit seinem Diakon und den Gästen durch den Mittelgang einzieht.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und ich bin mitten drinnen. Ja nicht nur das....als Gast muss ich mit vorne sitzen, wie auf einem Präsentierteller. Alle sehen mich und ich kann alle sehen.

Chöre singen, Gebete werden gesprochen und das Evangelium wird verlesen. Noch ist alles förmlich und folgt der langatmigen Liturgie. Dann werden zwei Kinder getauft und die Eltern erzählen von der schweren Krankheit eines der Kinder. Sie sind dankbar, dass Gott ihnen geholfen hat und das Kind gesund geworden ist. Auf einmal springen Frauen und Männer auf und singen jubelnd und tanzend um die Familie herum. Bunte Tücher werden gewedelt und ich schmunzele über die fröhliche Art des Dankes. Der Lobpreis erhält eine persönliche Note. Der Dank ist für alle spürbar und wird als Dank an den Schöpfer des Himmels und der Erde weiter gegeben. Und ich bin mitten drinnen. Ich bin berührt.

Ein Mann kommt nach vorn und erzählt von seiner Alkoholsucht. Wie ihn der Alkohol immer weiter aus der Gemeinschaft weggezogen hat. Seit Jahren ist er nicht mehr zum Gottesdienst gekommen und hat sich nicht mehr getraut zu beten, weil er Gott und sich selbst nicht mehr in die Augen sehen konnte. Nun ist er durch einen Aufruf bei einer Evangelisation auf dem Markt wieder zur Besinnung gekommen und möchte wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden. Mit einem tosendem Aplaus wurde der Mann von der Gemeinde begrüßt. Mir geht die Gänsehaut und ich spüre: hier geschieht himmlisches.

Der Pastor predigt über den Zöllner Zachäus und beschreibt die hoffnungslose Situation des Zöllners. “Ich will heute in dein Haus kommen“ zitiert er Jesus. Dann beginnt er in der Stammessprache Kiha weiter zu predigen. Ich verstehe nichts, doch ich sehe wie der Pastor forscher und lebendiger redet. Die Gemeinde ist inzwischen auf über 500 angewachsen. Sie antworten mit Amen, Halleluja oder mit „Gott sei gelobt“. Wie in einer sich steigernden Ekstase schwillt die Stimmung an. Dann singt er ein Lied in Kiha und die Gemeinde erhebt sich. Viele fangen an zu tanzen und das Förmliche ist der Lebendigkeit gewichen. In der Kirche staubt es vom Lehmboden wegen der tanzenden Menschen. Die Stimmung ist fröhlich. Viele Lächeln sich zu und manche erheben beim Tanzen die Hände. Ich bin mitgerissen. Die Stimmung macht Spaß und ich denke: Himmlisch.... Gott ist gegenwärtig.

Mir wird die Strophe des Liedes wieder klar: Weißt du wo der Himmel ist? Nicht so tief verborgen! Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen.“

Dieser Gottesdienst wird spürbar zur Begegnung zwischen Gott und den Menschen und viele Menschen gehen beschwingt nach draußen. Vier Stunden hat der Gottesdienst nun gedauert und mir ist als verginge er wie im Flug. In einer großen Versammlung vor der Kirche fassen sich alle an die Hand und der Pastor spricht feierlich den Segen. Meine Hand hält auf der einen Seite eine Frau, die mich freundlich anlächelt und auf der anderen Seite einen gekrümmten alten Mann, der mir zunickt, als würde er sagen: wir gehören zusammen.

Weißt du wo der Himmel ist ? „Nicht so hoch da oben! Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben!“

So segne uns der Vater im Himmel und der Sohn und der Heilige Geist.

 

So gehen die Menschen wieder in ihren Alltag.

Und ich...  ..... habe einen Zipfel des Himmels gespürt.

Diakon Jörg Kerner